Fehlender Zielhorizont führt zu Burnout und Depression

Stetige Optimierung kennt keine Ziellinie

19.07.2018

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Allgemeines

In der heutigen Gesellschaft suchen wir ständig Verbesserungsmöglichkeiten. Dieser Drang nach Selbst-Optimierung führt dazu, dass wir kaum noch Ziele haben, die mit Überschreiten einer Ziellinie erreicht wären. Es muss immer noch besser, schneller, effizienter gehen. Dies rastlose Streben kann zur Entstehung von Burnout und Depression beitragen.

In einem spannenden Interview mit dem GEO Wissen-Magazin stellt Prof. Dr. Hartmut Rosa die These auf, dass Burnout nicht dadurch entsteht, dass man zu viel zu tun hat, sondern, dass ein fehlender Zielhorizont dazu führt, dass wir uns gestresst und überfordert fühlen – ein Verhalten, welches sogar in Depression münden kann.[1] Wir hinterfragen dies und sprechen mit unserem EAP-Berater Dr. Morten Kaletsch über seine Einschätzung und Erfahrung.

Verlust an Glauben, dass wir unsere Zukunft verbessern

Prof. Dr. Rosa beschreibt, dass Fortschritt und Veränderung eigentlich dazu führen sollten, dass die Menschheit in einer besseren Welt lebt, Armut, Mangel und Unwissenheit überwunden werden. Allerdings wird dies in der Realität anders empfunden. Menschen haben eher das Gefühl, dass die technischen Neuerungen und der Wandel ein schlimmeres Szenario verhindern sollen. So soll Wachstum gesichert werden, Produktivität erhöht und Innovationskraft gesteigert werden.

Dies führt dazu, dass klar gesetzte Grenzen und Ziele verschwimmen, bzw. nicht mehr so einfach erreicht werden können. Einen drastischen Vergleich zieht er mit den Aufgaben der Trümmerfrauen nach dem zweiten Weltkrieg. Diese hatten eine Mammutaufgabe vor sich, schufteten hart und waren erschöpft. Allerdings, so Rosa, litten sie nicht an der Art von Burnout, wie wir in heute beschreiben, da es einen ganz klaren Zielhorizont gab: wenn die Häuser wieder stehen ist ein großer Schritt getan und die Welt besser und zukunftsfreundlicher.

Fehlender Zielhorizont tatsächlich ein Grund der Erschöpfung?

Wir sprechen mit unserem Berater Dr. Morten Kaletsch über seine Einschätzung zu diesem Thema und zu seinen Erfahrungen aus der EAP-Beratung.

INSITE: „Dr. Kaletsch, teilen Sie die Auffassung von Prof. Dr. Rosa, dass ein fehlender Zielhorizont zu Erschöpfung und teilweise Burnout führt?“.

Dr. Morten Kaletsch: „Nicht zwangsläufig, aber als einer von mehreren Faktoren kann ein fehlender Zielhorizont sicherlich zu einem sinkenden Wohlbefinden beitragen. Die Erfahrungen aus unseren Beratungen zeigen häufig ein ähnliches Bild: Menschen sind überfordert, da die klassischen Erfolgserlebnisse ausbleiben, das ,Abhaken‘ von Aufgaben seltener möglich ist. Sobald ein Ziel erreicht ist, wird die Ziellinie nach hinten geschoben, das nächste Projekt noch umfangreicher oder es kommt ein zweites und drittes hinzu. Aber genau das – ein Projekt als abgeschlossen und erfolgreich sehen zu können – fehlt vielen.“

INSITE: „Sie meinen, die Phase des Durchatmens und Zufriedenseins fehlt?“

Dr. Kaletsch: „Häufig. Durchatmen, Aufgaben abzuschließen und Erfolge zu feiern ist enorm wichtig. Wir haben allerdings eher das Gefühl, ständig unter Leistungsdruck und in Konkurrenz zu unseren Kollegen, anderen Abteilung, anderen Firmen zu stehen. Wichtig ist es, Innezuhalten, sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Dabei hilft auch die Anerkennung von Vorgesetzen, Kollegen oder Freunden. Denn natürlich kann es uns belasten, wenn jedes Mal, wenn das Ziel erreicht ist, sofort das nächste Ziel gesetzt und zur Attacke geblasen wird.“

INSITE: „Machen Sie diese Erfahrung auch in Ihren Beratungen?“

Dr. Kaletsch: „Die Tendenz geht ganz klar in diese Richtung. Die Mitarbeiter unserer Kundenunternehmen können sich zu allen Fragestellungen aus dem beruflichen und privaten Umfeld bei uns beraten lassen. Die Themen Erschöpfung und Überforderung sind dabei häufig Anliegen, die einen großen Raum einnehmen.

Viele Optionen – Fear of Missing out

Ein weiteres Thema, was hier mit Sicherheit auch hineinspielt, ist die sogenannte ,Fear of missing out (FOMO)‘, d.h. das Gefühl, etwas zu verpassen.“

INSITE: „Was meinen Sie damit?“

Dr. Kaletsch: „Unser Leben ist nicht mehr gradlinig und eindimensional, nein, es besteht aus unzähligen Optionen. Waren wir früher durch gesellschaftliche Strukturen, klaren Verhaltensregeln, einem eingeschränkten Informationsangebot leichter in der Lage eine Auswahl und Entscheidung zu treffen, so haben wir heute unbegrenzte Handlungsmöglichkeiten. Es gibt nichts, was es nicht gibt und was uns nicht als alternative Option über einen der unzähligen Kanäle präsentiert wird. Wir sehen alternative Lebensmodelle, erhalten Vorschläge für berufliche Entwicklung, Familienleben, Freizeitgestaltung - was dazu führen kann, dass wir unser Leben nicht nur hinterfragen, sondern schlichtweg die Angst verspüren, nicht das Maximum aus uns und unserer Zeit herauszuholen.“

INSITE: „Ist dies nicht auch eine ständige Verschiebung des Zielhorizontes?“

Dr. Kaletsch: „Das kann es sein und wird von vielen Personen auch als Stressor empfunden. Wenn ich unter unzähligen Möglichkeiten wählen kann, welche ist denn dann die beste für mich? Wenn ich mich jetzt auf diese festlege – verpasse ich dann nicht eine bessere Chance?‘ Es gehören auch Mut und Gelassenheit dazu, bewusst zu entscheiden und damit andere Optionen fallen zu lassen. Entscheiden heißt auch immer zu verzichten – aber genau hier wird uns immer stärker vermittelt alles haben zu können und nicht mehr verzichten zu müssen. Weshalb wir auch immer seltener dazu bereit sind, beziehungsweise schlechter mit Verzicht und Ausschließlichkeit umgehen können oder wollen.“

INSITE: „Was empfehlen Sie, wie man aus dieser Falle herauskommen kann?“

Dr. Kaletsch: „In der EAP-Beratung schärfen wir das Bewusstsein für dieses Thema. Gut ist es, Entscheidungen mit den eigenen Bedürfnissen und Werten abzugleichen und mit der richtigen Haltung, gerne auch mit einer gewissen Risikobereitschaft, zu treffen. Anschließend lohnt es sich, an Entscheidungen und Zielen festzuhalten, ohne im Nachhinein ewig zu hadern – was natürlich nicht heißt, dass man seine Meinung nicht auch später wieder ändern darf.

Den fehlenden Zielhorizont können Klienten in der Beratung selbst definieren, sogar bildlich darstellen. Wichtig für die eigene Zufriedenheit ist es, Selbstwert und Anerkennung nicht von der Rückmeldung anderer Menschen abhängig zu machen, weil wir uns dann unfrei fühlen und oft enttäuscht werden. Vielmehr kann man eigene Zwischenziele, Milestones, Belohnungen und Auszeiten definieren und sich somit das geben, was wir vorher von anderen erwartet haben.“

INSITE: „Vielen Dank für Ihre Einschätzung!“

 

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[1] https://www.geo.de/magazine/geo-wissen/18952-rtkl-gesundheit-burnout-entsteht-nicht-dadurch-dass-man-zu-viel-zu-tun-hat