Zu den Honorarkürzungen für ambulante psychotherapeutische Leistungen

Therapeutin, die sich mit männlichem Patienten unterhält.


Die vom Erweiterten Bewertungsausschuss beschlossenen Honorarkürzungen für ambulante psychotherapeutische Leistungen sehen wir kritisch. Aus unserer Praxis als Anbieter von Employee Assistance Programme (EAP) – also arbeitgeberfinanzierten Beratungsangeboten für Mitarbeitende bei beruflichen und persönlichen Belastungen – ergibt sich ein unmittelbarer Einblick in die Versorgungssituation und den tatsächlichen Bedarf.

Psychische Erkrankungen gehören bereits heute zu den häufigsten Ursachen für Fehlzeiten und Produktivitätsverluste in Unternehmen. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach niedrigschwelliger psychologischer Unterstützung kontinuierlich. Auch die Dauer und Komplexität von Belastungssituationen nehmen zu. Eine funktionierende ambulante psychotherapeutische Versorgung ist daher kein optionales Zusatzangebot, sondern eine wesentliche Voraussetzung für stabile Arbeitsfähigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.

Vor diesem Hintergrund setzen die beschlossenen Honorarkürzungen ein problematisches Signal. Statt die bestehende Versorgungsstruktur zu stabilisieren, drohen zusätzliche Engpässe.

Seit vielen Jahren begleiten wir Mitarbeitende aus der initialen Beratung im Rahmen eines EAP gezielt in die weiterführende Versorgung des regulären Gesundheitssystems, insbesondere in ambulante Psychotherapie. Dabei übernehmen wir häufig die strukturierte Suche nach geeigneten Therapieplätzen. Trotz dieser Unterstützung beobachten wir zunehmend begrenzte Kapazitäten – sowohl in städtischen als auch in ländlichen Regionen.

Wenn sich diese Situation weiter verschärft und notwendige Behandlungen nicht zeitnah beginnen können, sind die Folgen absehbar: längere Ausfallzeiten, erhöhte Chronifizierungsrisiken und steigende Kosten – für Unternehmen, für das Gesundheitssystem und für die Gesellschaft insgesamt.

„Wir sehen täglich, wie stark psychische Belastungen die Arbeitsfähigkeit beeinflussen. Wenn nach einer ersten Unterstützung keine zeitnahe Weiterbehandlung erfolgt, verschärfen sich Probleme und Ausfälle nehmen zu. Die aktuellen Kürzungen senden aus unserer Sicht ein falsches Signal: Sie verlängern individuelle Leidenswege und erhöhen langfristig die volkswirtschaftlichen Belastungen“, sagt Dr. Ludmila Peregrinova, Leiterin des Interventionsbereichs bei INSITE.

Wer mentale Gesundheit nachhaltig stärken will, muss den Zugang zu Versorgung sichern und bestehende Strukturen ausbauen. Maßnahmen, die die Versorgung weiter verknappen, stehen diesem Ziel entgegen.