Zum Tag der Suizidprävention möchten wir sensibilisieren: mit Fakten, die zum Nachdenken anregen, und mit Impulsen, die Mut machen. Denn Suizidprävention beginnt dort, wo wir Veränderungen wahrnehmen und professionelle Unterstützung ermöglichen.
Suizidprävention in der Arbeitswelt
Suizidgedanken sind für viele Menschen ein schwer zu artikulierendes Thema. Betroffene schweigen häufig aus Angst vor Stigmatisierung, Ablehnung oder Kontrollverlust. Auch Kolleginnen, Kollegen und Führungskräfte sind oft unsicher, wie sie reagieren sollen. Sie fürchten, Grenzen zu überschreiten, etwas Falsches zu sagen oder durch eine direkte Frage Suizidgedanken womöglich erst auszulösen.
Diese Sorge gehört zu den verbreiteten Mythen bei dem Thema. Ein ruhiges und wertfreies Ansprechen bringt einen Menschen nicht erst auf die Idee, sich das Leben zu nehmen. Im Gegenteil: Ein offenes Gespräch kann entlasten, Isolation durchbrechen und den Zugang zu professioneller Unterstützung überhaupt erst eröffnen.
Suizidalität kann auch im Arbeitskontext sichtbar werden
In Deutschland sterben jedes Jahr rund 10.000 Menschen durch Suizid. Hinzu kommen zahlreiche Suizidversuche. Schätzungen gehen von mehr als 100.000 pro Jahr aus. Darüber hinaus gibt es Menschen, die zeitweise oder wiederholt Suizidgedanken erleben. Wie viele Menschen davon betroffen sind, lässt sich kaum mit verlässlichen Zahlen belegen.
Suizidalität ist ein komplexes Phänomen. Sie entsteht meist aus einem Zusammenspiel psychischer Erkrankungen, schwerer Lebenskrisen, Verlusterfahrungen sowie gesundheitlicher, sozialer oder existenzieller Belastungen. Selten gibt es nur eine einzelne Ursache. Auch die Arbeit kann Belastungen verstärken, zugleich aber kann sie auch Halt, Tagesstruktur, Zugehörigkeit, soziale Kontakte und das Erleben von Selbstwirksamkeit vermitteln.
Die Arbeitswelt ist damit ein wichtiger Ort der Prävention. Denn Suizidprävention wirkt insbesondere dort, wo Menschen miteinander in Beziehung stehen, Veränderungen wahrnehmen und frühzeitig Unterstützung anbieten können.
Veränderungen wahrnehmen, ohne zu diagnostizieren
Suizidgedanken sind nicht immer von außen erkennbar. Die Aufgabe im Arbeitskontext besteht deshalb darin, wahrgenommene Veränderungen ernst zu nehmen, Beobachtungen anzusprechen und den Zugang zu Hilfe zu unterstützen.
Mögliche Hinweise können sein:
- deutlicher Rückzug oder ungewöhnliche Verhaltensänderungen
- Hoffnungslosigkeit oder starke Selbstabwertung
- Äußerungen wie „Ich kann nicht mehr“ oder „Ohne mich wäre es leichter“
- Abschiednehmen oder das Ordnen persönlicher Angelegenheiten
Keines dieser Anzeichen beweist für sich genommen eine Suizidgefährdung. Ebenso kann Suizidalität bestehen, ohne dass deutliche Warnsignale sichtbar werden. Entscheidend ist deshalb nicht, eine Situation abschließend einschätzen zu können, sondern die Bereitschaft, wenn Anlass zur Sorge besteht, das Gespräch zu suchen.
Führungskräfte benötigen keine therapeutische Ausbildung. Sie brauchen Sicherheit darin, Veränderungen anzusprechen, die Grenzen ihrer Rolle zu erkennen und professionelle Unterstützung zu organisieren.
In akuten Krisen zählt Sicherheit
Äußert eine Person konkrete Suizidabsichten oder besteht der Eindruck einer unmittelbaren Gefährdung, darf sie nicht allein gelassen werden. In diesem Fall muss umgehend professionelle Hilfe einbezogen werden, beispielsweise der Rettungsdienst oder eine psychiatrische Notfallversorgung.
Führungskräfte, Kolleginnen und Kollegen sollten eine solche Situation nicht allein tragen müssen. Organisationen benötigen deshalb klare und bekannte Abläufe. Dafür sollten zentrale Fragen im Vorfeld geklärt sein:
- Wer übernimmt intern die Koordination?
- Welche internen und externen Ansprechstellen gibt es?
- Wie wird die betroffene Person sicher begleitet?
- Wann müssen weitere Stellen einbezogen werden?
- Wer unterstützt die beteiligten Führungskräfte und Beschäftigten
Was Organisationen präventiv tun können
Professionelle Krisenwege sind wichtig. Suizidprävention setzt jedoch deutlich früher an. Unternehmen und Organisationen können Strukturen schaffen, die psychische Belastungen reduzieren, Hilfesuche erleichtern und Handlungssicherheit fördern.
Dazu gehören unter anderem:
- niedrigschwellige psychosoziale Beratungsangebote
- klar kommunizierte interne und externe Anlaufstellen
- verbindliche Krisen- und Notfallpläne
- geklärte Zuständigkeiten und Schnittstellen
- ein aktiver Umgang mit diesen Themen
Nach einem Suizid oder Suizidversuch
Ein Suizid oder Suizidversuch kann ein Team und eine gesamte Organisation tief erschüttern. Betroffen sind nicht nur die engsten Angehörigen. Auch Kolleginnen und Kollegen, Führungskräfte, Ersthelfende, Beratende oder Personen, die das Ereignis - unmittelbar oder mittelbar - erlebt haben, können längerfristig belastet sein.
Spekulationen über Ursachen und Schuldfragen sollten unbedingt unterbunden werden. Ebenso sollte niemand verpflichtet werden, in einer Gruppe über Gefühle oder persönliche Reaktionen zu sprechen. Entscheidend sind freiwillige, fachlich begleitete Angebote.
In dieser Situation braucht es:
- eine abgestimmte und sensible Kommunikation
- den Schutz der Privatsphäre
- freiwillige psychosoziale Unterstützungsangebote
- Entlastung besonders betroffener Personen
- Begleitung der Führungskräfte und internen Helfenden
- eine wiederholte Einschätzung des Unterstützungsbedarfs im weiteren Verlauf
Unterstützung durch INSITE
Mit vertraulicher Beratung für Beschäftigte und Führungskräfte, professioneller Begleitung nach Krisenereignissen, Trainings für Führungskräfte sowie der Ausbildung Mentaler Ersthelfender unterstützt INSITE Organisationen bei diesem wichtigen Thema. Dazu kann auch die Entwicklung und Überprüfung von Krisen- und Notfallplänen gehören. So lassen sich Handlungssicherheit stärken, klare Krisenwege entwickeln und Prävention nachhaltig im Arbeitsalltag verankern.
Suizidprävention ist Teil verantwortungsvoller Organisationskultur
Auch gut vorbereitete Organisationen können nicht jede Krise und nicht jeden Suizid verhindern. Sie können aber dazu beitragen, dass Belastungen früher wahrgenommen werden, Gespräche möglich sind und Betroffene schnell qualifizierte Hilfe erhalten.
Eine präventiv handelnde Organisation zeichnet sich nicht dadurch aus, dass es in ihr keine Krisen gibt. Sie zeigt sich vielmehr darin, wie aufmerksam, klar und menschlich sie mit Krisen umgeht.